Im Juni 2025 änderte die Monetary Authority of Singapore (MAS) das Spiel komplett. Was früher als offene, innovative Finanzzone galt, ist jetzt eine der strengsten Krypto-Regulierungslandschaften der Welt. Keine neuen Lizenzen mehr. Keine Ausnahmen. Keine Fristverlängerungen. Die MAS hat klargemacht: Wer in Singapore operiert, muss vollständig mit ihren Regeln übereinstimmen - egal, wo seine Kunden sitzen. Und das hat massive Folgen.
Die Lizenzsperrung: Nur noch in extrem seltenen Fällen
Die MAS hat am 6. Juni 2025 öffentlich erklärt: „Wir werden in der Regel keine Lizenz mehr ausstellen“. Das ist kein Tippfehler. Es ist eine klare, strategische Entscheidung. Bis zum 30. Juni 2025 mussten alle Digital Token Service Providers (DTSPs) ihre Anträge einreichen. Danach war Schluss. Keine Übergangsfristen. Keine Nachbesserungen. Wer nicht bis dahin alles erfüllt hatte, durfte nicht mehr arbeiten.
Was war der Grund? Die MAS fürchtet nicht nur Geldwäsche oder Terrorfinanzierung - sie fürchtet, dass Krypto-Firmen Singapore als „Reputationsmasken“ nutzen. Ein Unternehmen gründet sich in Singapur, bekommt die offizielle Lizenz, und nutzt dann den Ruf des Landes, um Kunden in Ländern mit schwachen Regeln zu bedienen. Die MAS will nicht, dass Singapur als „Schein-Regulierungszone“ gilt. Deshalb wurde der Financial Services and Markets Act 2022 (FSMA) mit einem besonders scharfen Werkzeug ausgestattet: Sektion 137. Diese Regelung gilt extraterritorial. Das bedeutet: Selbst wenn ein Unternehmen nur US-Kunden bedient, aber sein Hauptbüro in Singapur hat, muss es sich an MAS-Regeln halten. Und das macht den Unterschied.
Was muss ein DTSP jetzt können?
Die Anforderungen sind nicht nur hoch - sie sind praktisch unerfüllbar für kleine oder mittelständische Firmen. Hier die fünf Kernpunkte:
- Mindestkapital: Mindestens 5 Millionen SGD (ca. 3,7 Millionen USD) an Eigenkapital müssen vorliegen - ein Betrag, der nur große Finanzinstitutionen oder gut finanzierte Hedgefonds stemmen können.
- Singapur-basierte Compliance-Officer: Jede Lizenz erfordert einen vollzeitigen Compliance-Beauftragten, der in Singapur ansässig ist und über spezifische Zertifizierungen verfügt. Diese Position kostet zwischen 150.000 und 250.000 SGD pro Jahr - und es gibt nicht genug qualifizierte Kandidaten.
- Jährliche externe Prüfung: Unabhängige Wirtschaftsprüfer müssen jedes Jahr den gesamten Betrieb prüfen - von der KYC-Software bis zur Datenverschlüsselung.
- Travel Rule umgesetzt: Seit November 2024 muss jede Transaktion über 1.500 SGD (ca. 1.100 USD) die Namen, Identifikationsnummern und Kontodaten von Absender und Empfänger erfassen und austauschen. Das erfordert spezielle Software - und kostet zwischen 50.000 und 200.000 SGD je nach Transaktionsvolumen.
- Verbot von Kreditkarten-Käufen: Seit September 2024 ist es illegal, Kryptowährungen mit Kreditkarten zu kaufen. Das hat den Einzelhandelsmarkt in Singapur fast komplett zum Erliegen gebracht.
Diese Regeln sind nicht „gut gemeint“. Sie sind so streng, dass sie bewusst viele Unternehmen ausschließen. Die MAS will nicht „mehr Krypto“. Sie will „besseres Krypto“ - und das bedeutet: nur die Elite.
Die Folgen: Jobverluste, Abwanderung, Stillstand
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Laut LinkedIn-Analysen sank die Zahl der Krypto-Jobangebote in Singapur im ersten Quartal 2025 um 37 % im Vergleich zum vierten Quartal 2024. Unternehmen wie Binance, Kraken und andere, die früher ein großes Team in Singapur hatten, haben ihre lokalen Operationen massiv zurückgefahren oder ganz verlassen.
Ein Beispiel: Ein kleiner DeFi-Protokollanbieter aus Berlin, der sich 2023 in Singapur registriert hatte, um den Ruf der MAS zu nutzen, musste im Juni 2025 aufgeben. Die Kosten für den Compliance-Officer, die Software-Integration und die jährliche Prüfung lagen bei 1,2 Millionen SGD pro Jahr - mehr als der gesamte Umsatz des Unternehmens. Sie zogen nach Zürich. Nicht weil Zürich Krypto-freundlicher ist - sondern weil es dort klarere, realistischere Regeln gibt.
Die MAS hat es geschafft: Sie hat Singapur von einem „Krypto-Hub“ zu einem „Krypto-Museum“ gemacht. Die alten Lizenzen sind noch gültig - aber es gibt keine neuen. Die Zahl der aktiven DTSPs ist von rund 200 auf voraussichtlich 15-20 gesunken. Und diese wenigen sind meist Tochtergesellschaften großer Banken oder staatlich verbundener Fonds.
Warum nicht wie die Schweiz oder die UAE?
Vergleicht man Singapur mit der Schweiz oder den Vereinigten Arabischen Emiraten, wird deutlich, wie anders der Ansatz ist. In der Schweiz ist die FINMA klar: Wenn du dich registrierst, machst du es mit klaren Regeln - aber du kannst es tun. In den UAE, besonders in Dubai, gibt es eine aktive Lizenzierung mit klaren Kriterien und Unterstützung für Start-ups. Beide Regionen haben den Fokus auf Innovation und Transparenz gesetzt - nicht auf Kontrolle und Abschreckung.
Die MAS hingegen sagt: „Wir wollen kein Risiko. Kein Chaos. Kein Imageverlust.“ Und sie hat recht - wenn es nur um das eigene Finanzsystem geht. Aber sie ignoriert, dass Krypto ein globales Phänomen ist. Wenn du dich abschottest, verlierst du nicht nur Unternehmen - du verlierst Talent, Innovation und langfristig auch Einfluss.
Was kommt als Nächstes?
Die MAS hat angekündigt, dass sie Ende 2025 weitere Regeln für DeFi-Protokolle und Stablecoins veröffentlichen wird. Das klingt nach Fortschritt - aber es ist eher eine Fortsetzung der Strategie: mehr Regeln, mehr Bürokratie, weniger Spielraum.
Stablecoins sind dabei besonders interessant. Die MAS hat bereits im November 2023 ein eigenes Regelwerk für sie entwickelt - mit strengen Backing-Anforderungen. Jeder Stablecoin muss zu 100 % durch liquide, risikofreie Vermögenswerte gedeckt sein. Keine Reservefonds. Keine Krypto-Backings. Keine „halbe“ Lösungen. Das macht Stablecoins in Singapur praktisch unrentabel für private Anbieter - aber es schützt den Finanzplatz.
Die langfristige Frage bleibt: Wird Singapur als Finanzzentrum stärker oder schwächer? Die MAS sagt: „Stärker.“ Experten wie Dr. Jane Lim vom Asian Fintech Institute warnen: „Übermäßig restriktive Regulierung kann Singapurs Rolle im globalen Krypto-Ökosystem dauerhaft beschädigen.“
Was bedeutet das für Nutzer und Investoren?
Für private Nutzer in Singapur: Du kannst keine Kryptowährung mehr mit Kreditkarte kaufen. Du kannst keine Plattform mehr nutzen, die nicht die MAS-Lizenz hat. Und wenn du eine ausländische Plattform nutzt - die MAS kann dich nicht direkt bestrafen, aber sie kann deine lokale Bank dazu zwingen, Transaktionen zu blockieren.
Für Investoren: Es gibt keine neuen Krypto-Start-ups mehr in Singapur. Die Chancen, in ein neues Projekt zu investieren, sind praktisch verschwunden. Die einzigen verbliebenen Akteure sind große, etablierte Firmen - mit hohen Eintrittsbarrieren und geringer Innovationskraft.
Für Unternehmen: Wenn du in Singapur operieren willst, musst du bereit sein, Millionen auszugeben - und einen Compliance-Officer zu bezahlen, der mehr verdient als dein CEO. Es ist kein Markt mehr. Es ist ein Schutzgebiet für wenige.
Kann ich als Privatperson in Singapur noch Kryptowährungen kaufen?
Ja - aber nur über lizenzierte Plattformen und nur mit Banküberweisung. Kreditkarten, PayPal oder Krypto-ATMs sind verboten. Du kannst auch ausländische Plattformen nutzen, aber deine lokale Bank könnte Transaktionen blockieren, wenn sie als riskant eingestuft werden. Die MAS hat keine direkte Kontrolle über private Nutzer - aber sie kontrolliert die Banken.
Was passiert, wenn ich als ausländischer Anbieter ohne MAS-Lizenz in Singapur operiere?
Wenn du als Unternehmen in Singapur registriert bist - auch nur mit einem Briefkasten - und keine Lizenz hast, kannst du sofort eingestellt werden. Die MAS kann deine Bankkonten einfrieren, deine Domain sperren und deine Mitarbeiter strafrechtlich belangen. Es gibt keine Grauzone. Die Extraterritorialität der Sektion 137 des FSMA macht es möglich, dass selbst ausländische Nutzer über Singapur operierende Firmen reguliert werden.
Warum gibt es so wenige lizenzierte Unternehmen?
Weil die Kosten und Anforderungen extrem hoch sind. Mindestkapital von 5 Millionen SGD, ein Singapur-basierter Compliance-Officer mit 200.000 SGD Gehalt, teure Software für den Travel Rule, jährliche Prüfungen und strenge Kundenbewertungen - das ist kein Business-Modell für Start-ups. Nur große Banken, staatliche Fonds oder global operierende Finanzkonzerne können das stemmen. Die MAS hat bewusst einen Filter eingebaut: Nur die Reichsten dürfen mitmachen.
Gibt es eine Möglichkeit, eine MAS-Lizenz zu bekommen, wenn ich neu bin?
Nein. Seit dem 1. Juli 2025 wurden keine neuen Anträge mehr angenommen. Die MAS hat explizit erklärt, dass sie „in extrem seltenen Fällen“ eine Lizenz vergeben könnte - aber bisher gab es keinen einzigen Fall. Die Tür ist zu. Wer jetzt noch versucht, eine Lizenz zu bekommen, wird abgewiesen.
Wie unterscheidet sich Singapur von der Schweiz in der Krypto-Regulierung?
Die Schweiz (FINMA) setzt auf klare, transparente Regeln und ermöglicht Lizenzen für Start-ups, solange sie Risiken managen. Singapur (MAS) setzt auf Abschreckung: Hohe Kosten, strenge Anforderungen, keine Ausnahmen. Die Schweiz will Innovation. Singapur will Kontrolle. Die Schweiz ist ein Tor. Singapur ist ein Schloss.
Die MAS hat gezeigt: Regulierung kann nicht nur schützen - sie kann auch zerstören. Singapur hat sich entschieden, kein Krypto-Land mehr zu sein. Es ist jetzt ein Land, das Krypto nur unter strengsten Bedingungen duldet - und nur für wenige. Die Welt hat sich weiterbewegt. Singapur hat sich zurückgezogen.
Ingrid Fuchshofer
März 15, 2026 AT 11:02